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Harter Stahl und weiche Knie PDF Drucken E-Mail

13. September 2008 Wer sein Vermögen an der Börse investiert, kennt gute und schlechte Tage. Lakshmi Mittal beweist sich seit drei Jahrzehnten als fleißiger, vorausschauender und wagemutiger Stahlunternehmer. Die von ihm erarbeiteten Wertsteigerungen lassen sich an der Börsenkapitalisierung „seines“ Unternehmens ablesen. Der Arcelor-Mittal-Konzern wird gegenwärtig mit 75 Milliarden Euro bewertet. Mehr als 40 Prozent davon kann sich Mittal als Familienvermögen anrechnen.

Der vergangene Dienstag war ein sehr schlechter Tag für Stahlaktionäre - und somit auch für Lakshmi Mittal. Rund um den Globus fielen die Notierungen der Stahlkocher. Bis zu 9 Prozent reichten die Kurseinbußen. So war der in London lebende Inder binnen Stunden um zwei Milliarden Euro ärmer, als sich beim Weltmarktführer der Kursverlust 8 Prozent näherte.

 

Auslöser für solche Kursverluste war eine kurze Meldung aus Asien über eine abermalige Verteuerung von Eisenerz. Der brasilianische Bergbaukonzern Vale do Rio Doce wolle seine Erzpreise in diesem Jahr ein zweites Mal anheben, hieß es. Zwar entpuppte sich diese Nachricht bald als Missverständnis, so dass die Stahlwerte noch am selben Tag zumindest einen Teil ihrer Kursverluste wieder wettmachen konnten. Aber es hatte sich überdeutlich gezeigt: Die Nervosität der Stahlinvestoren ist groß.

Stahlaktie auf Talfahrt

Wie die Werte im Dax, dem Aktienindex für die deutschen Großkonzerne, befinden sich auch die Notierungen der Stahlaktien seit Mai auf Talfahrt - allerdings mit noch größerer Geschwindigkeit. Die Börsenkurse der gerade für die europäische Autoindustrie sehr wichtigen Blechlieferanten Arcelor-Mittal, Thyssen-Krupp und Salzgitter haben sich fast im Gleichschritt um rund 40 Prozent verbilligt. Denn immer mehr Anleger befürchten, dass ein allgemein verschlechtertes Wirtschaftsklima die bisher so robuste Stahlkonjunktur ganz besonders in Mitleidenschaft ziehen wird.

Im nunmehr sechsten Jahr des Stahlbooms wird deshalb die Erinnerung an lange Krisenzeiten dieser Branche wach. Jahrzehntelang lagen sowohl bei Edel- als auch beim Qualitäts- und Massenstahl die Höhen und Tiefen sehr eng beieinander. Was in manchem Frühsommer wie der Auftakt zu einem wirklich guten Jahrgang aussah, endete mehr als einmal im Dezember in tiefster Krisenstimmung. Typisch für die Stahlwirtschaft sind auch Unbehagen und Verunsicherung während der Sommerferien. Ziehen die Aufträge wieder an? Bleiben die Preise stabil? Das fragen sich Produzenten und Investoren in dieser Jahreszeit regelmäßig. Und im Sommer 2008 haben gesamtwirtschaftliche und branchenspezifische Wolken am bislang klaren Himmel der Stahlkonjunktur den Investoren noch mehr Kopfzerbrechen als in den zurückliegenden Jahren bereitet.


Kein Anlass zur Skepsis

Dabei bietet die Lage der deutschen Stahlwirtschaft für diese Skepsis eigentlich überhaupt keinen Anlass. Vor der Sommerpause haben die Stahlhütten bei der Rohstahlproduktion und dem Walzstahlabsatz neue Bestwerte erzielt. Hilfreich war der zumindest im ersten Halbjahr gegenüber 2007 deutlich verringerte Import. So lag der Auftragseingang bei Walzstahlprodukten 16 Prozent höher als vor Jahresfrist. Außerdem berichtete die Wirtschaftsvereinigung Stahl, dass der Auftragsbestand mit 3,4 Monaten Reichweite weiterhin über dem langjährigen Mittelwert liegt. Der Verband steht nicht allein mit seiner Prognose, dass die Dynamik auf dem deutschen Stahlmarkt zwar etwas nachlassen, aber weiterhin hoch bleiben wird.

Seit 2003 kennen bei Qualitäts- und Massenstahl Produktion, Absatz und Preise nur eine Richtung - nach oben. Motor dieser Hausse ist der Wirtschaftsaufschwung in den sogenannten Bric-Staaten. Gemeint sind damit die Länder Brasilien, Russland, Indien und natürlich auch China, wo vor allem der Ausbau der Infrastruktur den Stahlbedarf treibt. Aber auch die Erdöl und Erdgas exportierenden Länder investieren ihre sprudelnden Ausfuhrerlöse in den Aufbau von Produktionsbetrieben, für die viel Stahl benötigt wird.


Die deutschen Stahlkocher liefern fast durchweg hochwertige Produkte. Sie profitieren deshalb seit Jahren vor allem von der starken Nachfrage aus dem boomenden Maschinen- und Anlagenbau, den stark ausgeweiteten Investitionen der Energiewirtschaft und der Petrochemie sowie dem florierenden Fahrzeug- und Schiffbau.

Schlüsselgröße ist die Kapazitätsauslastung

Die Sorgen in den Vereinigten Staaten und in Westeuropa, die Finanzmarktkrise werde zunehmend auch auf die industrielle Produktion übergreifen, hat die Aufbruchstimmung in den bevölkerungsreichen und wachstumsstarken Schwellenländern noch nicht getrübt. Deshalb gehen Fachleute auch weiterhin optimistisch davon aus, dass der globale Stahlbedarf in den nächsten Jahren wachsen wird. Allenfalls, so heißt es, flachten sich die Steigerungsraten wieder etwas ab.

Eine Schlüsselgröße für Erfolg oder Misserfolg der Industrie ist die Kapazitätsauslastung. Eine Faustformel besagt, dass Stahlwerke ab einer Auslastung von 80 Prozent mit Gewinn arbeiten sollten. Gegenwärtig wird der Auslastungsgrad der Weltrohstahlkapazität sogar auf etwas mehr als 93 Prozent veranschlagt. In Deutschland arbeiten die Anlagen schon seit drei Jahren am Rande ihrer Kapazitätsgrenzen. Deshalb sank die Rohstahlproduktion hierzulande im ersten Halbjahr auch nur leicht und vor allem, weil bei Thyssen-Krupp einige Zeit ein Hochofen ausfiel.

Wer sich jetzt nicht fügt, muss dafür später zahlen

Auch die Unternehmensberatung McKinsey, die vor zwei Jahren mit einer recht düsteren Prognose - fälschlich, wie sich zeigen sollte - die gesamte Stahlbranche schreckte, hat sich in ihrer neuen Studie bei den Optimisten eingereiht. In verschiedenen Szenarien kommt McKinsey zu dem Ergebnis, dass sich die Kapazitätsauslastung bis 2012 im schlimmsten Fall auf 82 Prozent verringern, aber wahrscheinlicher zwischen 86 und 92 Prozent bewegen wird. Auch die Schweizer Großbank Credit Suisse prognostiziert nach einem leichten Durchhänger in den Jahren von 2010 bis 2012 einen Auslastungsgrad, der zumindest auf gegenwärtigem Niveau liegen wird.

Die Entwicklung der Flachstahlpreise wird gern am Warmband verdeutlicht. Dabei handelt es sich um das in der ersten Bearbeitungsstufe gewonnene und zu riesigen tonnenschweren Rädern, den Coils, aufgewickelte Vorprodukt für weitere Walz- und Beschichtungsanlagen. Nach der enormen Verteuerung bei den Rohstoffen zu Beginn des Jahres - um 200 Prozent bei Kokskohle und um 65 bis 85 Prozent bei Eisenerz - stiegen die Warmbandpreise von Quartal zu Quartal mit zweistelligen Sätzen. Außerdem arbeiten die Stahlkocher noch daran, in den Jahresverträgen Nachschläge für die im Frühjahr überraschend stark verteuerten Rohstoffe durchzusetzen. Vornehm sprechen sie selbst von „Nachverhandlungen“ und treten in der Praxis selbst bei ihren großen Kunden recht ruppig auf. Wer sich jetzt nicht fügt, muss dafür später zahlen, lautet das Druckmittel in den Verhandlungen.

Kein Grund zum Aufatmen

Unlängst haben sowohl Salzgitter als auch Thyssen-Krupp für Oktober die nächste Preisanhebung angekündigt. Stahlinvestoren bezweifeln freilich deren Durchsetzbarkeit am Markt. Denn während die Tonne Warmband in West- und Nordeuropa noch bis zu 760 Euro kostet, sind in Italien China-Importe neuerdings für 700 bis 720 Euro zu haben. Insgesamt haben die chinesischen Stahllieferungen in alle Welt im Juli und August ganz kräftig auf fast 15 Millionen Tonnen zugenommen. Für die Kunden der Stahlindustrie, also für die europäischen Verarbeiter, die schon lange unter der stetigen Stahlverteuerung leiden, besteht dennoch kein Grund zum Aufatmen: Credit Suisse berichtet inzwischen von verunsicherten Stahlhändlern.

Hier und da würden sogar Bestellungen in China storniert. Der Grund: Die dort stark ausgeweiteten Exporte erreichen inzwischen einen Anteil von 17 Prozent der Landesproduktion. Und das provoziert dirigistische Eingriffe der chinesischen Zentralregierung. Die ärgert sich nämlich über die anschwellenden Rohstoffimporte im Reich der Mitte und will die Stahlausfuhren auf 10 Prozent begrenzen. So muss der europäische Handel befürchten, dass sich Aufträge bei der Auslieferung in einigen Monaten durch chinesische Exportsteuern verteuern und dann über dem zu jenem Zeitpunkt gültigen europäischen Preisniveau liegen könnten.

Sorgen in der Chefetagen der Stahlkocher geringer

Die nächsten Wochen werden damit zur Nagelprobe, ob die Stahlwirtschaft ihre erhöhten Kosten auf die Kunden überwälzen kann. Bei den Börsenprofis überwiegt die Ansicht, dass dies nicht gelingen und die bislang glänzende Ertragslage der Stahlwirtschaft matter wird. Aber auf eine spürbare Preisabschwächung können die Stahlverarbeiter vorläufig nicht setzen: Bei Arcelor-Mittal gibt es schon Signale, dass der Weltmarktführer seinerseits mit Produktionskürzungen gegen einen stärkeren Preisdruck angehen könnte.

Gleichwohl bleiben die Kostenblöcke Rohstoffe und Energiekosten mittelfristig ein Risiko für die Stahlwirtschaft. Die Teilnehmer einer Rohstoffkonferenz in Frankfurt waren sich in dieser Woche einig, dass die Versorgungslage bei Eisenerzen, Koks und Kokskohle, ja selbst bei dem in jüngerer Zeit deutlich verbilligten Schrott noch einige Zeit angespannt bleiben wird. Das wird die Suche der geplagten Kunden der Stahlwirtschaft nach alternativen Werkstoffen nur bestärken.

In den Chefetagen der Stahlkocher scheint die Sorge wegen eines bevorstehenden Einbruchs der Branchenkonjunktur indes sehr viel geringer als bei den aus den Stahlwerten flüchtenden Investoren zu sein. Wie zum Beweis haben in dieser Woche der Thyssen-Krupp-Vorstandsvorsitzende Ekkehard Schulz und zwei seiner Vorstände mit Beträgen zwischen 100.000 und 200.000 Euro Aktien ihres Unternehmens gekauft. Auch Lakshmi Mittal, den das Gespür für Stahl zum drittreichsten Erdbewohner gemacht hat, zeigt sich von den Vermögenseinbußen der vergangenen Monate völlig unbeeindruckt. Mittal spricht nicht nur sehr gern über das enorme Potential dieses aus seiner Sicht noch auf Jahrzehnte unverzichtbaren Werkstoffs. Er handelt auch danach und beteiligt sich mit Milliarden-Beträgen in allen Ecken der Welt an Stahlrohstoffen - auf dass sie seinen Wohlstand noch mehren.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa
 

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