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Teurer Stahl bringt Zulieferer in Not PDF Drucken E-Mail
Kostenschub um 50 Prozent

von Markus Hennes

Der drastische Anstieg der Stahlpreise und das Preisdiktat der Konzerne bedrohen eine Kernbranche des industriellen Mittelstands in Deutschland. Auf die zumeist familiengeführten Betriebe der Stahl- und Metallverarbeitung kommt ab dem zweiten Halbjahr ein Kostenschub von 50 Prozent zu.

DÜSSELDORF. Dies entspricht einer Mehrbelastung von über zwei Mrd. Euro. Viele Firmen stehen angesichts der Kostenexplosion vor dem Ruin. Die 4 600 Unternehmen der Branche erzielten 2007 mit 440 000 Mitarbeitern einen Umsatz von mehr als 81 Mrd. Euro. Verschärft wird die Situation dadurch, dass die Stahlhersteller auch vor Vertragsbrüchen nicht zurückschrecken. Dem Handelsblatt liegen mehrere Briefe vor, in denen die Stahlkonzerne ihren Kunden aus der stahl-und metallverarbeitenden Industrie die Pistole auf die Brust setzen: "Um unsere Lieferfähigkeit auch im zweiten Halbjahr 2008 weiter aufrechtzuerhalten,
sehen wir uns gezwungen, unsere Preise massiv ... anzuheben. Hiervon sind auch laufende Jahresabschlüsse betroffen." Solche oder ähnliche Formulierungen finden sich in Schreiben von Arcelor-Mittal, Salzgitter oder der Saarstahl-Gruppe.

"Unsere Mitgliedsfirmen haben keine Chance, dem Preisdiktat der Stahlhersteller auszuweichen", klagt Andreas Möhlenkamp, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbands Stahl- und Metallverarbeitung (WSM) in Düsseldorf. Er wirft den Stahlproduzenten vor, ihre Angebotsmacht ohne Rücksicht auf die gravierenden Folgen für eine ihrer größten Abnehmerbranchen auszunutzen.

2007 haben die Mitgliedsfirmen des WSM knapp 20 Mill. Tonnen Stahl verarbeitet, dies entspricht knapp 40 Prozent der gesamten deutschen Stahlproduktion. Doch auch die Stahlkonzerne stehen unter erheblichem Druck. Branchenprimus Arcelor-Mittal begründete die Anhebung der Stahlpreise mit einer erheblichen
Verteuerung der Rohstoffe Eisenerz, Kokskohle und Schrott sowie höheren Kosten für Energie und Transport. So kostet Eisenerz auf Euro-Basis gut 40 Prozent mehr als vor einem Jahr, der Einkaufspreis für Stahlschrott hat sich verdoppelt. Kokskohle ist sogar noch teurer geworden (siehe Grafik).

Marktbeobachter gehen davon aus, dass kleinere Konkurrenten dem Beispiel von Arcelor-Mittal folgen und ihre Verkaufspreise für Stahl ähnlich stark erhöhen werden.
Doch schon jetzt ist das Tempo der Preissteigerungen ohne Beispiel: Kostete eine Tonne Flachstahl zu Jahresbeginn noch weniger als 500 Euro, waren es im April bereits 600 Euro. Für Lieferungen ab Juli verlangen die Stahlhersteller bereits 720 Euro. Und am Wochenende kündigte Arcelor-Mittal für Lieferungen ab September einen weiteren Aufschlag von 50 auf dann 770 Euro je Tonne an. Viele Abnehmer können solche Preissprünge nicht mehr abfedern. Die Mittelstandsbank IKB schätzt, dass die deutschen Stahlverarbeiter 2007 eine durchschnittliche Umsatzrendite vor Steuern (EBT) von rund vier Prozent erzielt
haben. "Jedoch ist das Ertragsgefälle zwischen den Unternehmen enorm", sagt Heinz-Jürgen Büchner, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der IKB. Vor allem kleinere Automobilzulieferer, die Achsfedern produzieren oder Bleche umformen, lägen mit ihrer Rendite deutlich unter dem Branchendurchschnitt. Ihnen
dürfte der Kostendruck am meisten zu schaffen machen.

Bereits vor vier Jahren hatte eine kräftige Verteuerung der Stahlpreise für Aufruhr gesorgt. Damals sah sich jedes sechste Unternehmen der Branche in akuter Existenznot, wie eine Umfrage des WSM ergab. "Im Vergleich zu 2004 haben wir jetzt eine viel gefährlichere Situation", sagt Möhlenkamp. Damals konnten die
Firmen noch höhere Preise bei ihren Abnehmern durchsetzen. Dies sei derzeit nicht möglich. Zudem würden viele Kunden ihre Rechnungen erst nach mehreren Monaten begleichen. Dies belaste die Liquididät der Stahlverarbeiter.
"Durch die Verteuerung der Stahlpreise kommen die seit Jahresanfang ohnehin schon schrumpfenden Margen noch mehr unter Druck", warnt IKB-Analyst Markus Mohaupt. Nur wenn es den Stahl- und Metallverarbeitern gelänge, die zusätzlichen Belastungen zügig an ihre Abnehmer weiterzuleiten, könne ein
massiver Ergebniseinbruch im zweiten Halbjahr verhindert werden. Dies allerdings ist vielen Mittelständlern wegen der fehlenden Marktmacht und des harten Wettbewerbs zuletzt kaum noch gelungen. Was bleibt, sind Appelle: "Wir kommen nicht ohne Preiserhöhungen aus - das müssen unsere Kunden akzeptieren",
sagt Rudolf Muhr, Vorsitzender des Beirats des sauerländischen Automobilzulieferers Mubea.

Doch der mit Abstand größte Kunde der Branche, die Autoindustrie, steht ebenfalls in einem harten Wettbewerb. Höhere Kosten durch den Einkauf bei Zulieferern kann sie kaum an die Verbraucher weiterreichen: Die Autokonjunktur steht wegen der hohen Spritpreise ohnehin auf der Kippe.

Link zum Artikel: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/mittelstand_aktuell/teurer-stahl-bringt-zulieferer-in-not;2005576
 

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